Massgames Pyongyang

Fotoserie über die Massgames in Pjöngjang, Nordkorea – die größte Show der Welt

Serie von 10 Fotos veröffentlicht bei der Galerie Lumas

LUMAS_blau2

Weitere Motive über meine Website Massgames Pictures

Screenshot 2015-09-03 um 19.24.19

     Ausgestellt auf der 25. Internationalen Poster Biennale in Warschau im Juni 2016.

     Mode-Serie mit meinen Fotos.

Mehr Infos gibt’s auf der Facebook-Seite der Serie

Presse

     Interview mit Whitewall, dem Labor von Lumas.

     Bericht über die Internationale Poster Biennale Warschau im Eye-Magazine.

     Interview in der Welt (zum Bildband A Night in Pyongyang)

     Bericht in der Huffington Post.

     Bericht in der Daily Mail.

     Beitrag im Fashion & Livestyle-Blog Hypebeast

     Beitrag im Design-Blog Designboom

     Beitrag im Kunst-Magazin Illusion

     Beitrag im Design-Blog Trendhunter

Making of

The schoolchildren, conscious that a single slip in their action may spoil their mass gymnastic performance, make every effort to subordinate all their thoughts and actions to the collective.
On Further Developing Mass Gymnastics.
General Kim Jong-il, April 1987

Im Juni 1811 wurde an der Berliner Hasenheide der erste „Turnplatz“ vom später als „Turnvater“ bekannten Hilfslehrer Friedrich Ludwig Jahn eröffnet. Jedermann sollte sich hier versammeln und öffentlich mit Leibesübungen stärken können. Doch die Obrigkeit beäugte die rasch wachsende Turnerbewegung misstrauisch, war doch Jahn als radikaler Nationalist bekannt, der die Kleinstaaterei abschaffen wollte und von Freiheitsrechten, Gleichheit, sowie einem „Großdeutschland“ mit einer neu zu erbauenden Hauptstadt „Teutonia“ in Thüringen träumte. So nimmt es nicht Wunder, dass die Turner bereits 1820 wieder verboten wurden und Jahn in der Folgezeit mehrfach verhaftet wurde. Erst 1842 hob Wilhelm IV. von Preußen den „Turnbann“ auf, nachdem Jahn seinen radikalsten politischen Ideen abgeschworen hatte. Nach dieser Ent-Ideologisierung bekam die Bewegung jedoch enormen Zulauf. Als erster Höhepunkt gilt das Leipziger Turnfest von 1863 mit über 20.000 Teilnehmern.

Als nach dem 2. Weltkrieg die Idee des öffentlichen Massenturnens von diversen sozialistischen Staaten wiederentdeckt wurde, folgte – offenbar unvermeidlich – eine erneute politische Aufladung, jedoch aus anderer Richtung. Die bereits von Jahn eingeführte Synchronizität der Bewegungen wurde nun auf die Spitze getrieben, passte doch plötzlich Systemglaube und Inszenierung auf perfekte Art und Weise zusammen. Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il formulierte diese Idee in einem Essay über die „Massengymnastik“ so: „In dem Bewusstsein, dass der kleinste Fehler ihrer Aktionen die gesamte Aufführung stören kann, unternehmen die Schulkinder jede Anstrengung, um all ihre Gedanken und Handlungen dem Kollektiv unterzuordnen.“ Der Einzelne funktioniert also nur als Teil des Kollektivs, und das Kollektiv ist nur perfekt, wenn jeder Einzelne es ist. Die Massgames dienen dabei als Weg zum „voll entwickkelten kommunistischen Menschen“ (Kim Jong Il, ebenda). Ausgestattet mit diesem ideologischen Gerüst stellen die nordkoreanischen Massgames alles, was im Ostblock jemals aufgeführt wurde, weit in den Schatten und packen das soeben beschriebene in eine so gigantische wie spektakuläre Show – und ich wollte sie unbedingt nocheinmal fotografieren.

Nordkoreanische Reise-Impressionen

Hinter den Kulissen von „Arirang“ – der Show, die ich fotografiert habe

Vieles

Weniges

(Zöllner an Flughäfen machen dann daraus wieder „vieles“ – und auf dem Weg nach Pjöngjang muss man durch sehr viele Flughäfen…)

Durch meinen Bildband über die Massgames bekam ich Kontakt zur Galerie Lumas, die daran interessiert war, eine Serie meiner Fotos in ihr Portfolio aufzunehmen. Da ich jeoch bei meiner ersten Serie nur eine kleine Amateur-Kamera dabei hatte, reichte die Auflösung der Fotos nicht für die großen Formate, die sich Lumas wünschte. Mit diesem Angebot im Rücken beschloss ich, eine zweite Serie zu fotografieren. Wenn ich jedoch schon noch einmal eigens für die Massgames nach Pjöngjang flog, wollte ich nicht wieder als Tourist auf irgendeinem Platz sitzen, sondern mit offizieller Genehmigung einreisen und so weit ans Spielfeld herankommen, wie möglich. Außerdem wollte ich diesmal natürlich mit anständigem Equipment einlaufen. Einfachen Touristen wird geraten, keine Brennweiten über 200 mm mitzunehmen, wie man oben sieht, hatte ich größeres vor. Mich interessierten weniger die spektakulären Gursky-Totalen, mein Ansatz war, den einzelnen Teilnehmer aus der Masse herauszupicken, den „man in the masses“ zu finden, ihn aus dem Kollektiv zu reißen – und dazu musste ich so nah wie möglich an an die Teilnehmer herankommen. Durch Nähe zum Spielfeld oder extrem lange Brennweiten, am besten durch beides.

Die Hürde der Fotogenehmigung stellte sich als höher heraus, als erwartet. Wenn ich in Berlin fotografieren oder drehen will, gibt es ein professionell geführtes Locationbüro, bei dem ich meine Wunschlocation abfragen und den Preis verhandeln kann. In Pjöngjang gibt es so etwas natürlich nicht. Also versuchte ich es auf allen möglichen anderen Wegen, schrieb die Deutsche Botschaft in Pjöngjang an, das Goethe-Institut, das dort zu der Zeit noch einen Lesesaal betrieb, versuchte es über alle möglichen Reiseveranstalter – erfolglos. Fast ein Jahr lang musste ich mir anhören, dass das auf keinen Fall gehe. Doch offenbar wurden meine Bemühungen registriert: ein koreanischer Mitarbeiter der Deutschen Botschaft recherchierte, wie ich zum ersten Mal ins Land gekommen war und wandte sich an just jenes Reisebüro: Koryo Tours, was das für ein komischer Typ sei, der hier in Pjöngjang alle mit seiner Fotogenehmigung aufscheucht. Nick Bonner von Koryo Tours wandte sich daraufhin an mich und mit seiner Hilfe setzten sich langsam die Dinge in Bewegung. Ende des Sommers bekam ich schließlich erneut Nachricht von Nick: im fernen Pjöngjang könnte eine Tür für mich aufgehen. Das beste wäre, in ein Flugzeug zu steigen und es einfach zu versuchen. Ich wollte diesen Moment nicht verpassen, nahm all meinen Mut zusammen, plünderte mein Bankkonto und reiste im September und Oktober 2009 zwei Mal ins „hermit kingdom“. Natürlich war in Pjöngjang überhaupt nichts augemacht, aber immerhin brachte ich mein Equipment durch den Zoll. Doch mein großartiger Guide legte sich schwer für mich ins Zeug und nach weiteren schwierigen Verhandlungen stand ich am ein paar Tage später tatsächlich ganz nach vorne am Spielfeldrand der größten Show der Welt – näher als jeder andere Fotograf vor mir.

Aus den Resultaten habe ich einen kleinen Foto-Film zusammengeschnitten und dazu ein Stück ausgewählt, ganz gemäß einer Empfehlung des ehemaligen „Dear Leader“ Kim Jong-il: „mass gymnastic music should be played vigorously and solemnly“.

 

Vielleicht ist das die letzte große Arbeit über diese gigantische Show. Die letzten Massgames fanden im August 2013 statt. Niemand weiß, ob sie jemals wieder aufgeführt werden.

Zurück